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9783895008368

Gaiser, Lars

Leben und Handeln im Alltag von Kairo

Sozialwissenschaftliche Analysen einer Gesellschaft im Umbruch

2012
17,0 x 24,0 cm, 604 S., 22 s/w Tabellen, 34 s/w Abb., Gebunden
148,00 €

ISBN: 9783895008368
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Unter dem Eindruck des politisch-gesellschaftlichen Diskurses infolge des 11. Septembers 2001 und der Orientalismusvorwürfe von Seiten arabischer Intellektueller hat Lars Gaiser einen neuen handlungszentrierten Forschungsansatz entwickelt, den er am Beispiel der vier Alltagssituationen „Bildung ermöglichen“, „Nachbarschaft gewähren“, „Wohnraum beschaffen“ sowie „Wohnraum gewähren“ getestet hat. Durch die Analyse sämtlicher mit diesen Alltagssituationen verbundenen Handlungsoptionen und unter Verwendung zahlreicher Fallbeispiele verschafft er dem Leser einen Einblick in die disparaten gesellschaftlichen Verhältnisse in Kairo unmittelbar vor den Massenaufständen.

Ausführliche Beschreibung

Unter dem Eindruck des politisch-gesellschaftlichen Diskurses infolge des 11. Septembers 2001 und der Orientalismusvorwürfe von Seiten arabischer Intellektueller wie Edward Said hat Lars Gaiser einen neuen Forschungsansatz entwickelt: Statt wie üblich singuläre Problemstellungen zu untersuchen, die durch eine einseitige Wahl des Forschungssujets zur Verzerrung neigen, analysiert er das von einer alltäglichen Situation abgeleitete Spektrum möglicher Handlungsoptionen. Durch das Wechselspiel von Collagen - bestehend aus Interviewzitaten, Beobachtungsberichten und Erläuterungen aus einer emischen Perspektive - und einer darauf aufbauenden, durch Daten aus Statistiken und Fachliteratur ergänzten etischen Analyse verschafft er dem Leser einen äußerst facettenreichen und dennoch überaus tief gehenden Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse in Kairo.
Der hier skizzierte „handlungsspektrale Forschungsansatz“ wurde erfolgreich in den vier Alltagssituationen „Bildung ermöglichen“, „Nachbarschaft gewähren“, „Wohnraum beschaffen“ sowie „Wohnraum gewähren“ praktisch umgesetzt.
In seiner Analyse des ägyptischen Bildungssystems stellt er religiöse (azharitische), öffentlich-säkulare und private Schulen einander gegenüber. In den staatlichen Einrichtungen deckt er zahlreiche eklatante Defizite auf wie überfüllte Klassen, unterbezahlte demotivierte Lehrer und inadäquate Lehrmethoden. Er zeigt unter anderem die Dualität auf, in der die religiösen Schulen zwischen dogmatischen Ansprüchen und den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes stehen. Ein weiterer zentraler Gegenstand dieses Kapitels ist das ausufernde Nachhilfesystem, das nach Information des damaligen Unterstaatssekretärs bis zu ein Viertel des durchschnittlichen Familieneinkommens verschlingt.
Bei der Alltagssituation „Wohnraum beschaffen“ setzt er sich mit (Über)Lebensstrategien der unterprivilegierten Schichten wie Hausbesetzung, Vagabundieren und informelle Besiedlung auseinander. Er vernachlässigt dabei aber keineswegs die typischen Handlungsweisen der begüterten Ägypter: So deckt er beispielsweise auf, welcher Kniffe sich Vermieter - legal und illegal -zur Gewinnmaximierung bedienen.
Weitere in der Dissertation behandelte Themen sind unter anderem die Hürden auf dem Weg zur Eheschließung, Leben im Kloster, das Großfamilienhaus, das Leben über den Dächern von Kairo.
Anhand der zahlreich im Buch aufgezeigten Ungerechtigkeiten lässt sich der Unmut erahnen, der eine wesentliche Ursache für den arabischen Frühling darstellt.

Rezensionen

„Unter dem Eindruck des politisch-gesellschaftlichen Diskurses infolge des 11. Septembers 2001 und der Orientalismusvorwürfe von Seiten arabischer Intellektueller hat Lars Gaiser einen neuen handlungszentrierten Forschungsansatz entwickelt, den er am Beispiel der vier Alltagssituationen Bildung ermöglichen - Nachbarschaft gewähren - Wohnraum beschaffen sowie Wohnraum gewähren getestet hat. Durch die Analyse sämtlicher mit diesen Alltagssituationen verbundenen Handlungsoptionen und unter Verwendung zahlreicher Fallbeispiele verschafft er dem Leser einen Einblick in die disparaten gesellschaftlichen Verhältnisse in Kairo unmittelbar vor den Massenaufständen.“

In: Fachbuchkritik.de
http://www.fachbuchkritik.de/html/leben_und_handeln_im_alltag_vo.html
(19. März 2012)

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„Die Dissertation von Herrn Gaiser ermöglicht […] tiefe Einblicke in das Handeln einer ausgewählten städtischen Gesellschaft der arabischen Welt. Mit Hilfe [s]einer neu entwickelten erkenntnistheoretischen Konzeption gelingt es ihm ausgezeichnet, das Leben und Handeln in dieser Gesellschaft nicht nur genau zu dokumentieren, sondern eben auch begreifbar und damit verstehbar zu machen.“
Prof. Dr. Horst Kopp, Orientgeograph und Betreuer der Arbeit

„Die […] tiefe inhaltliche Durchdringung der Thematik wird noch unterstützt durch ein sachlogisch strukturiertes methodisches Vorgehen. Der Dreischritt von Alltagsaufnahme (Fallbeispiel), Kategorisierung und Analyse gefällt im Besonderen. Er befreit die Ergebnisse aus dem Singulären und schützt sie vor einem überbordenden Subjektivismus. Es entsteht aus vielen Einzelschicksalen ein gleichermaßen vielfältiges wie klares Bild.“
Prof. Dr. Rainer Uphues, Lehrstuhl für Didaktik der Geographie, Universität Erlangen-Nürnberg

„Herr Dr. Gaiser schöpft sein Wissen aus seinen außergewöhnlichen über viele Jahre aufgebauten Vorortkenntnissen, aus seiner Belesenheit (dank seiner Mehrsprachigkeit griff er zu Büchern von Autoren verschiedener kultureller Herkunft) und aus einer fundierten multidisziplinären Ausbildung in Deutschland und Ägypten.“
Prof. Dr. Muhammad Abu Hattab, Gründungsdekan der Alsun-Fakultät in al-Minya (Oberägypten)

Autoreninfo

Dr. Lars Gaiser hat an der Universität Erlangen-Nürnberg Geographie, Politische Wissenschaften und Orientalistik im Rahmen des Studienschwerpunktes Moderner Vorderer Orient studiert. Seine theoretischen Kenntnisse über die Arabische Welt konnte er um praktische Erfahrungen während mehrerer Studienreisen und Feldforschungsaufenthalte erweitern. Er hat insgesamt sieben Jahre in Ägypten gelebt und dort mehrere Projekte verwirklicht: Sowohl die hier vorliegende Dissertation als auch seine Magisterarbeit beruhen auf mehrjährigen Feldstudien. Bei deren Durchführung kam ihm seine Beschäftigung mit den Methoden der empirischen Sozialforschung, einem weiteren Arbeitsschwerpunkt, zugute. Er verfügt über Lehrerfahrung sowohl am Gymnasium als auch an der Universität und konnte dank seiner Arabischkenntnisse alle im Rahmen der Promotionsfeldstudie realisierten Interviews eigenständig führen.

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