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9783954901234

Nachtigal, Reinhard

Verkehrswege in Kaukasien

Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870

2016
17,0 x 24,0 cm, 448 S., 10 farb. Abb., 9 s/w Abb., Gebunden
128,00 €

ISBN: 9783954901234
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Die Studie untersucht die hundertjährige Expansion Russlands in seine südliche Randzone und die langfristige Integration durch Schaffung von Infrastruktur. Diese konzentrierte sich im Wegebau. In der schwierigen Gebirgslandschaft mit unterschiedlichsten Nationalitäten und Konfessionen traf der Staat auf Herausforderungen, die nur allmählich und im Selbstverständnis einer zivilisatorischen Mission bewältigt werden konnten. Am Ende stand die Reichsintegration, ohne dass die indigenen Bewohner russifiziert wurden, aber Teil hatten an der Moderne. Einige unbotmäßige indigene Bergvölker wurden allerdings um- oder sogar ins Osmanische Reich ausgesiedelt: anders schien den Zaren keine Befriedung möglich zu sein.

Ausführliche Beschreibung

Seit Russlands Ausgreifen über den Großen Kaukasus dauerte es ein Jahrhundert, bis das Zarenreich ganz Kaukasien unterworfen und integriert hatte. Anlass für dieses Ausgreifen waren Hilferufe der christlichen Völker der Georgier und Armenier, die von ihren muslimischen Nachbarn im Süden, dem Osmanischen Reich und Persien bedrängt waren. 1801 verleibte sich Russland das ostgeorgische Königreich ein, das nur durch eine Gebirgsstraße mit der nördlichen Schutzmacht verbunden war. Für lange Zeit, während Russland weitere Teile Kaukasiens eroberte, blieb diese „Georgische Heerstraße“ die einzige Verbindung, die durch Natureinflüsse und zunächst auch durch nicht unterworfene Bergbewohner ständig gefährdet war. Russische Verkehrsingenieure, darunter sehr viele Westeuropäer, kämpften hier gleichzeitig mit der Natur und mit Raubüberfällen.
Zunächst vermochte Russland aus der Expansion keinen Nutzen zu ziehen. Wirtschaftliche und politische Experimente misslangen, aber auch kolonialistische Versuche, die südliche Zone zu einem Rohstofflieferanten und Güterimporteur herabzudrücken. Erst als in der Jahrhundertmitte unter dem weitsichtigen Statthalter und geschickten Organisator Fürst Voroncov die Entwicklungsmöglichkeiten erkannt wurden, traten die vormodernen Gesellschaften in die Neuzeit ein. Für Russland bedeutete das vor allem einen weiteren Ausbau der Infrastruktur in die Fläche: für die Anbindung des Postverkehrs, zur Erschließung der Rohstoffe und nicht zuletzt in Hinsicht auf neue Waffengänge mit dem Osmanischen Reich. War noch zu Beginn des 19. Jh.s Kaukasien durch Gebirge kleinflächig strukturiert und von Mensch und Natur gefährdet, so entwickelte es sich mit dem Ausbau des Verkehrsnetzes zu einem modernen Wirtschaftsraum, in dem die indigenen Völker ihr nationales Selbstbewußtsein entdeckten.
Als um 1860 der letzte Widerstand unbotmäßiger Bergvölker gebrochen war, begann mit der Industrialisierung und dem Bahnbau ein neues Zeitalter. Trotzdem kam es aber auch jetzt nicht zu einer weiteren Verbindung über den Großen Kaukasus, obwohl vor dem Ersten Weltkrieg die Planungen für eine Eisenbahn im Gebirge reiften. Im Gegenteil, die Befriedung des Raumes, der Bahnbau und die Entwicklung der Seewege schränkten im späten Zarenreich den weiteren Straßenbau über das Gebirge ein. Nur in Notlagen hatte Russland in der kriegerischen ersten Hälfte des Jahrhunderts Alternativtrassen gesucht und genutzt, deren Anlage teuer und schwierig war, weil der Große Kaukasus anders als die Alpen nur wenige passfähige Einschnitte im Hochgebirge bietet. Das hat bis heute für eine teilweise Isolation und Abgeschiedenheit der transkaukasischen Länder gesorgt, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dann auch für eine neue staatliche und wirtschaftliche Fragmentierung.
Die russische Expansion durch Verkehrswege in einem schwierigen Gebirgsraum über einen langen Zeitraum, mit alten christlichen Völkern und gänzlich verschiedenen Gesellschaftsordnungen, steht für eine weitgehend gelungene zivilisatorische Mission des Zarenreichs, die zugleich Anspruch und Ursache dieser Expansion war. Der russische Kolonialismus blieb hier unvollendet, eine durchgehende Russifizierung blieb aus, trotz des wirtschaftlichen und kulturellen Übergewichts der Großmacht.

Autoreninfo

R.N. was born in 1963 and studied history and philology at the Universities of Münster/Westfalia, Edinburgh, and Freiburg/Germany. After his doctoral thesis he published on WWI prisoners of war, on the history of communications in Northern Russia, on Russian Germans, on the history of medicine and on WWI. Presently he is a research fellow of the Freiburg Collaborative Research Centre 948 “Heroes – Heroizations – Heroisms”.

Schlagworte

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