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9783895000386

Saurma-Jeltsch, Lieselotte

Miniaturen im Liber Scivias der Hildegard von Bingen

Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder

1998
25,5 x 35,0 cm, 244 S., 137 s/w Abb., 35 farb. Abb., Leinen
98,00 €

ISBN: 9783895000386

Kurze Beschreibung

Die visionäre Mystikerin und Naturheilkundige Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) zählt zu den faszinierendsten Frauen des hohen Mittelalters. Einer ihrer bedeutendsten Texte ist der „Liber Scivias“. Er ist in wenigen Kodizes überliefert, zu denen die etwa 800 Jahre alte, mit ungewöhnlichen Miniaturen ausgestattete Rupertsberger Prachthandschrift gehört.
Bei den mit Gold, Silber und sogar Bronze versehenen Miniaturen handelt es sich um zeitgenössische bildliche Umsetzungen von Hildegards mystischen Erfahrungen. Dabei entstehen eigenwillige Metaphern sowie eine neue Bilderwelt.
Ausführliche Beschreibungen erklären die einzelnen Illustrationen anhand der Visionstexte und Kommentare. Weitere Beispiele führen in die Kunst der Buchmaler ein und vertiefen so das Verständnis für diese einzigartigen Miniaturen und ihre ästhetische Faszination.

Ausführliche Beschreibung

Die adelige Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) darf wohl als berühmteste Frau des hohen Mittelalters bezeichnet werden. In ihren Werken fasziniert sie gleichermaßen als visionäre Mystikerin wie auch als Naturheilkundige und Musikerin. Unter den zahlreichen schriftlichen Zeugnissen ist der „Liber scivias“ („Wisse die Wege“), der ihre Visionen enthält, eines der bedeutendsten. Der Text ist in wenigen Kodizes überliefert, zu denen die etwa 800 Jahre alte, mit 35 schon damals sehr ungewöhnlichen Miniaturen ausgestattete Rupertsberger Prachthandschrift gehört.
Das vor oder kurz nach dem Tod Hildegards im Rupertsberger Konvent bei Bingen entstandene Original ist seit 1945 verschollen, ist aber in einer kurz zuvor von Hand gefertigten, vorzüglichen Kopie, die heute in der Abtei St. Hildegard, Eibingen bei Rüdesheim aufbewahrt wird, überliefert.
Bei den Illustrationen zum „Liber scivias“ handelt es sich um fast zeitgenössische bildliche Umsetzungen von Hildegards Schilderungen ihrer mystischen Erfahrungen. Die mit kostbaren Materialien, mit Gold, Silber und sogar Bronze versehenen Miniaturen sind bis ins kleinste Detail geplante, nahezu Wort für Wort übersetzende Verbildlichungen der Visionen und der aus ihnen gewonnenen Belehrungen. Sie behandeln also nicht einfache und vertraute Themen, sondern es werden konventionelle Bildformen in nie gesehene Zusammenhänge gebracht, und es entsteht dabei - ähnlich wie im Text Hildegards - aus eigenwilligen Metaphern eine neue Bilderwelt.
In 35 ausführlichen Beschreibungen werden die einzelnen Miniaturen anhand der Visionstexte und der Kommentare erklärt. Zahlreiche Vergleichsbeispiele aus der hochmittelalterlichen Kunst informieren über die künstlerischen Kenntnisse der Buchmaler. Das so gewonnene Verständnis vertieft die von den Miniaturen ausgehende urtümliche Wucht und ästhetische Faszination und eröffnet einen neuen Zugang zu den Visionen der Seherin Hildegard von Bingen. Ausführliche Literaturangaben und ein Register erschließen das reichhaltige Material.

Rezensionen

„Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), hochgebildete und als Heilige verehrte Nonne, hatte von früh an die Gabe der visionären Schau. Ab 1141 schrieb sie ihre Visionen auf; daraus entstanden ihre drei Hauptwerke, die eine komplexe Glaubenslehre und Anthropologie entwarfen. Der Papst erkannte ihre Sehergabe offiziell an. Vom ersten dieser Werke, Scivias („Wisse die Wege"), wurde in ihrem Kloster Rupertsberg (bei Bingen) eine Prachthandschrift mit 35 Miniaturen angefertigt, die zwar seit 1945 verloren ist; aber bereits 1927 bis 1933 war ein höchst aufwendiges, auf Pergament gemaltes Faksimile hergestellt worden.
Im vorliegenden, prachtvoll ausgestatteten Band untersucht die Autorin die Miniaturen, deren Verständnis „sich in der Tat dem Betrachter in keinem Fall ohne Kenntnis des Textes erschließt“ (S. 12). Die Bilder, die als hervorragende Faksimiles dem Buch beiliegen, illustrieren die Visionen der Heiligen; sie sind aber derart verschlüsselt, dass es wirklich der kundigen Anleitung bedarf. Es ist faszinierend, die Untersuchungsschritte mitzuverfolgen und plötzlich in den zunächst nur ästhetisch ansprechenden Miniaturen Hildegards visionäre Erkenntnisse zu entdecken. Die kunsthistorische Einordnung der bildlichen Traditionen wird mit 102 zusätzlichen Abbildungen dokumentiert. Das Buch, das ausdrücklich auch den wissenschaftlichen Laien ansprechen will, verlangt vom Leser hohe Konzentration; die wird aber mit einer wahren Entdeckungsreise belohnt.“

In: Pax et Gaudium. Heft 34 (2008). S. 88.

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„Zum Hildegard-Jahr 1998 legte die Verf. eine durch monumentale Erscheinung (Großfolio) und buchtechnische Ausstattung (Farbfaksimiles) einerseits, durch minutiöse wissenschaftliche Ausarbeitung anderseits beeindruckende Monographie zum Bildprogramm des seit 1945 verschollenen Rupertsberger Codex des Liber Scivias vor (10 Hss., 2 davon illustriert; die heute in Heidelberg befindliche Salemer Hs. aus dem 13. Jh. wird nicht herangezogen). Das gewählte Verfahren der Ikonographie ist durchaus traditionell, birgt aber für die oft von diffusen Konzepten geprägte Hildegard-Forschung beinahe ketzerisches Potential. Bild für Bild wird mit einer beachtlichen Fülle Vergleichsmaterial abgeglichen; jedes Motiv findet seine Vorläufer. Auch dort, wo nur noch Assoziationen mit Entschiedenheit behauptet werden, möchte man der Verf. in der Regel zustimmen (vgl. 37, 61, 72, 99f., 117, 147 usw.). Schwierigkeiten bereitet dagegen das Nebeneinander der paläographischen und ikonographischen Befunde. Ließ die Schrift des Rupertsberger Codex noch Entstehung zu Lebzeiten Hildegards zu, sollen die Bilder erst in dem Jahrzehnt nach ihrem Tod geschaffen worden sein (11), was u. a. stilgeschichtlich mit dem in der Buchmalerei erst um 1190 hervortretenden „Zackenstil“ begründet wird (vgl. 9-11). Die Bilder, die sich mitunter nicht unerheblich vom Wortlaut der Visionen entfernen, wären demnach sekundäre Annäherungsversuche an den sperrigen Text, übersetzt in und damit zugleich distanziert durch die Sprache zeitgenössischer Buchmalerei. Ob dieser Befund in der Konsequenz Hildegard ihrer Verantwortung für das Bildprogramm entheben kann, wird in einem Ansatz, der einer integrierenden Behandlung grundsätzlich offen gegenübersteht, aufgegriffen werden müssen.“

In: Germanistik. 42 (2001) Heft 3/4. S. 605-606.

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„Das vielfältige und interessante Bildmaterial sowie die einläßlichen, mit den Visionstexten vergleichenden Bildbeschreibungen stellen die Stärke des Bandes dar, der in dieser Hinsicht gewiß als Bereicherung der bereits existierenden Bibliothek über diesen so eigenwilligen Text und seine nicht weniger ungewöhnliche Bebilderung angesprochen werden darf.“

In: Mediaevistik. 13 (2000). S. 398-399.

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„Saurma sieht ihre Aufgabe zum einen in der Erschließung des Bildgefüges als visuelles Ordnungsinstrumentarium; hinzu kommt - von Meier seit langem gefordert - die systematische Durchforschung des Muster- und Formelinventars der Rupertsberger Miniaturen. Der Aufweis ikonographischer Traditionen und Prägungen über inhaltliche Grenzen hinweg hilft zunächst, eine Vorstellung von der Bildgenese zu gewinnen; gibt dann aber auch den Blick frei für gedanklich weitgespannte Bezüge vor allem hinsichtlich einer möglicherweise aktuellen theologischen Aufladung der Illustrationen, deren Motivik häufig apokalyptischen Darstellungen entnommen ist.“

In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 129 (2000) Heft 2. S. 215-222.

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„Einzigartige traditionelle Buchmalerei

Der Rupertsberger „Scivias“-Kodex gehört zu den bis heute kontrovers diskutierten Bilderhandschriften von Hildegard von Bingens Werken. Abgesehen von frühen Photodokumenten ist von ihm nur ein in der Zwischenkriegszeit von Hand faksimiliertes Ersatzoriginal erhalten. Besonders umstritten sind seine zeitlichen und lokalen Entstehungsbedingungen. Die Heidelberger Expertin für Buchmalerei Saurma-Jeltsch widerlegt nun die ältere These, dass die visionäre Äbtissin selbst noch die Herstellung der Bilder hätte leiten können. Die Prachthandschrift, die mindestens ein halbes Kirchendach gekostet haben soll, sei postum, ganz am Ende des 12. Jahrhunderts, hergestellt worden. Saurma-Jeltsch tritt gegen den Mythos der malenden Hildegard an. - Das Hauptgewicht der kunsthistorischen Arbeit liegt jedoch in dem aus der mittelalterlichen Buchmalerei zusammengetragenen Material. Mit detektivischem Spürsinn stellt die Autorin jeder Scivias-Miniatur exemplarische Belege aus parallelen Bildwelten gegenüber. So
verkörpert das anzuzeigende Buch ein spezifisches ikonographisches Archiv. Dieses positioniert den oft als erratischen Block taxierten Kodex nun in einem dichten Netz aus motivlichen und ästhetischen Bezügen zur mittelalterlichen Kunst. Das reich illustrierte und sehr sorgfältig hergestellte Buch, das auch formal seinen luxuriösen Gegenstand ehrt, enthält als besondere Perle alle 35 mit Miniaturen versehenen (Doppel-)Seiten, grossformatig und farbig reproduziert in einem hinten eingefügten Schuber. Das für seine Zeit eigenwillige und innovative Seitenlayout tritt darin besonders schön vors lesende Auge.“

In: Neue Zürcher Zeitung vom 26./27. Februar 2000. S. 68.

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In this luxuriously edited book Dr. S.-J. publishes the results of her new and thorough investigation into the miniatures of the missing Wiesbaden ms. of Hildegard's Scivias (Hessische Landesbibl., ms. 1). For more than a century these absolutely unique paintings have attracted scholarly interest and till to-day there is no agreement as to the place and date of their genesis. [...]
All this was no doubt too far from the authors own interests. Her work will remain important for its extremely detailed discussion of the complicated problems of the relationship between the visions, Hildegard's own commentary on them and the pictures. For the full colour, full-size reproduetion of the latter, on 35 loose plates in a portfolio, she has used the twentieth-century manual copy, the original ms. being lost. It was the only way to have a colour reproduction, but no doubt mang readers would have preferred black and white reproduetions from the original ms. instead (which do exist).“

In: Scriptorium. (1999) 1. S. 87-88.

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„Sosehr sich Hildegard ihrem Verkündigungswerk entziehen wollte, so streng wurde sie durch eine Stimme aus dem lebenden Feuer immer wieder in die Pflicht genommen; Adressat ihrer Botschaft war der Klerus, der hier durch eine Frau zur Reform gedrängt wurde.
Die Miniaturen begleiten sechsundzwanzig Einzelvisionen, die drei Büchern zugeordnet sind. Text und Illuminationen sind zweifellos aufeinander abgestimmt und wohl auch gemeinsam geplant worden. Aus paläographischen und stilgeschichtlichen Befunden leitet Saurma-Jeltsch ab, daß der Bilderzyklus nach Hildegards Tod, aber vor 1195 entstanden sei. Damit wären die Miniaturen die erste Spur der mehr als achthundertjährigen Wirkungsgeschichte des Textes; allerdings sind die vorgetragenen Argumente nicht so zwingend, daß eine Datierung noch in Hildegards Lebenszeit ausgeschlossen wäre. Sicher erscheint lediglich, daß eine persönliche Beteiligung Hildegards an den Miniaturen weder erwiesen ist noch angenommen werden muß.
DIe Illustrationen sind ohne den Text nciht verständlich und sollen zweifellos auch zu seiner Lektüre hinführen. Umgekehrt stellt sich die Frage – und das ist das eigentliche Problem der neuen Abhandlung –, ob und in welchem Maße die Bilder den Text und darüber hinaus das von Hildegard Erfahrene umsetzen. Dabei gelingt Saurma-Jeltsch der Beweis, daß die Maler nicht nur die eigentlichen Visionen verbildlicht haben, sondern auch die sogenannten Auditionen berücksichtigten, die von Hildegard empfangenen Erklärungen der Geschichte durch die himmlische Stimme. Die interessanteste Frage ist jedoch, welches Eigengewicht dem Bilderzyklus gegenüber dem Text zukommt, inwieweit also ihr Bildgedächtnis die Miniaturen bei der Darstellung des von Hildegard Geschauten und Gehörten beeinflußt hat.
In dieser Hinsicht erzielt Lieselotte Saurma-Jeltsch gute neue Beobachtungen. [...]
Neben der Macht der Bilder konnte eine abweichende Textassoziation die Maler beeinflussen. So hat Hildegard die Engel nach der Lehre Papst Gregors des Großen in neun Chören gesehen, die in zwei äußeren, fünf inneren und zwei innersten Ringen angeordnet waren; im Bild ist hingegen eine andere Überlieferung der neun Engelsscharen zu je drei Ringen wirksam geworden (Miniatur 9 zu Vision 1,6). Die vielleicht berühmteste Miniatur, die in antiker Tradition den Makrokosmos als Weltei darstellt (Miniatur 4 zu Vision 1,3), war im ganzen ohne Vorbild und stand dem Text besonders nahe, setzte aber überkommene ikonographische Bildformeln zu einem neuen Ganzen zusammen.
Mit ihrer Bild- und Überlieferungskritik hat Saurma-Jeltsch den Hildegard-Codex in seiner Zeit fester verankert; ihre Studie erlaubt die weiterführende Frage, „ob die Schau Hildegards nicht ihrerseits gesehene Bilder verarbeitet, welche zum kollektiven BIdlgedächtnis der Entstehungszeit gehören“. Andererseits wendet sich die Autorin scharf gegen illegitime Vereinnahmungenm des Werkes in esoterischen Zirkeln der Gegenwart. Nicht das, was die Bilder einem jeden von uns noch heute zu sagen vermöchten, könne ihre Bestimmung sein, sondern es gelte zu entziffern, was ihre ursprüngliche konkrete Botschaft war. Damit wird nun freilich das Geschäft der Historie einseitig ausgelegt, zu dem eben nicht nur die klinisch reine Präparation der Ursprünge gehört, sondern auch die Beobachtung des historischen Wandels, durch den Anfangsimpulse lebendig bleiben.“

In: Frankfurter Allgemeinde Zeitung. Nr. 279 vom 1. Dezember 1998. S. L 20.

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„In einem Einschub sind die farblich hervorragenden Reproduktionen der Miniaturen beigefügt; ausführliche Literaturangaben und Register erschließen das reiche Material. Dieser aufwendig und geschmackvoll gestaltete Band ist nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich eine würdige und wertvolle Ergänzung der zahlreichen Veröffentlichungen zum Hildegardis-Jubiläum.“

In: Erbe und Auftrag. 74 (1998) Nr. 5. S. 436.

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„Unter dem Titel „Die Miniaturen im Liber Scivias der Hildegard von Bingen“ arbeitet die renommierte Kunsthistorikerin Liselotte Saurma-Jeltsch den Buchschmuck des sogenannten „Rupertsberger Codex“ zum ersten mal umfassend auf. Der Rupertsberger Codex ist die älteste erhaltene Handschrift der Visionen von Hildegard und entstand kurz nach dem Tod der Nonne um 1180. (...)
Die Umsetzung der Visionen der Hildegard von Bingen stellte die mittelalterlichen Maler vor einige Probleme. Einerseits war die Buchmalerei starken ikonographischen Traditionen verhaftet, die dem Maler wenig gestalterische Freiheiten im heutigen Sinne ließen. Andererseits verlangten die Visionen nach einer bildlichen Umsetzung, die diese Tradition zwangsläufig durchbrechen musste. Die Künstler waren also gezwungen, ihre Malerei entsprechend der Visionen zu modifizieren.
Liselotte Saurma-Jeltsch muss folglich nicht nur die Miniaturen auf ihre Quellen hin untersuchen, sondern auch die Verbindung zur Mystik der Nonne aufzeigen - ein interdisziplinärer Spagat, der vollkommen gelungen ist. Die Autorin erklärt nicht nur die Miniaturen, sondern gibt auch noch einen tiefen Einblick in Hildegards Geisteswe

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