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9783954901470

Kapfhammer, Gerald

Die Evangelienharmonie Tatian

Studien zum Codex Sangallensis 56

2016
17,0 x 24,0 cm, 304 S., 32 farb. Abb., Leinen
118,00 €

ISBN: 9783954901470
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Die St. Galler Handschrift 56 stellt in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar: Sie überliefert mit der harmonisierten Form der vier kanonischen Evangelien einen Text zum Leben Jesu, den es aus theologischer Sicht so gar nicht geben dürfte, und präsentiert diesen zugleich in einer aufwendig gestalteten lateinisch-althochdeutschen Bilingue. Die vorliegende Arbeit unternimmt eine Neubewertung der Konzeption dieser Handschrift, indem überlieferungsgeschichtliche, kodikologische und sprachwissenschaftliche Aspekte mit einer eingehenden Analyse zur Erzählweise der Harmonie verbunden werden.

Ausführliche Beschreibung

Die Handschrift 56 der Stiftsbibliothek St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert enthält mit dem sogenannten Althochdeutschen Tatian eine nach ihrem angenommenen Verfasser benannte Harmonie der vier getrennten Evangelien in einer lateinischen und einer althochdeutschen Fassung. Sowohl die Textgattung als auch die Darbietung des Textes in einer Bilingue stellen eine Besonderheit dar.
Während die vier kanonischen Evangelien Leben, Tod und Auferstehung Jesu aus einer je eigenen Perspektive darstellen und dadurch eigene Akzentuierungen aufweisen, versucht die Gattung Evangelienharmonie die vier getrennten Evangelien zu einem einheitlichen, wenn möglich widerspruchsfreien Text zu verbinden.
Während im 2. Jahrhundert, also zur Entstehungszeit des Tatian, dieses Bemühen in den Diskurs um die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirche verortet werden kann, ist dies für das 9. Jahrhundert, zu einer Zeit als die Debatten um die Kanonizität der Evangelien längst abgeschlossen sind, kaum mehr möglich. Insofern bleibt die Frage, worin das spezifische Interesse bestand, diesen Text nach der Vorlage des Codex Bonifatianus 1 (Hochschul- und Landesbibliothek Fulda) in präziser Weise zu kopieren und mit einer althochdeutschen Übersetzung zu versehen.
Bislang findet  sich in der altgermanistischen Literaturgeschichtsschreibung vorzugsweise das Argument, dass die Harmonie mit ihrer vermeintlich einfacheren Darstellungsweise eine besonders gut geeignete Textgattung für die Katechese sei, wobei die althochdeutsche Übersetzung zugleich die Brücke für den nicht lateinisch gebildeten Leser leisten sollte.
In der hier vorgenommenen Untersuchung der Handschrift wird diese Zuschreibung hinterfragt. Dabei wird die Handschrift aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Der Titel „Studien zum Tatian“ spiegelt dies insofern wider, da bislang eher nebeneinander behandelte Aspekte wie Überlieferungsgeschichte, kodikologische Aspekte, Übersetzungsweise und die Art der Erzählung miteinander verbunden werden. Hierbei zeigt sich, dass die Handschrift nicht nur ein äußerst anspruchsvolles Produkt karolingischer Schriftkultur ist, sondern zugleich einen Text bietet, der alles andere als einfach ist: In der spezifischen Kombinatorik und Anordnung von Textpassagen zeigt die Harmonie einen durchdachten Aufbau mit einer bewusst gesetzten theologischen Akzentuierung. Darauf scheint die Übersetzung zu reagieren, zudem zeigt sie sich bei aller Gebundenheit an das Lateinische an zahlreichen Stellen durchaus eigenständig und frei. Bei der Betrachtung dieser Ergebnisse entzieht sich die St. Galler Tatianbilingue daher einer einfachen Zweckbestimmung; ihr Sinn liegt möglicherweise darin, dass hier Formen und Ausdrucksweisen in experimenteller Weise gesucht wurden.   

Autoreninfo

Gerald Kapfhammer
geboren 1972,
1992: Abitur
2004: Erste Staatsprüfung für Lehrämter am Gymnasium in den Fächern Deutsch und Katholische Religionslehre
2000-2004: Studentische und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Ältere deutsche Sprache und Literatur, Prof. Dr. Hans-Joachim Ziegeler, Universität zu Köln
2005-2008: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 427/ Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Medien und kulturelle Kommunikation“ (Universitäten Aachen, Köln und Bonn) im Teilprojekt „Popularisierung von Literatur und Sichtbarmachung des Unsichtbaren - 'Tod', 'Seele' und 'Jenseits' in Bilderzyklen und Texten der Frühen Neuzeit“, Leitung: Prof. Dr. Hans-Joachim Ziegeler; Dissertation „Die Rezeption der Evangelienharmonie im Althochdeutschen: Studien zum Codex Sangallensis 56“
2009-2011: Referendar am Studienseminar für Lehrämter an Schulen – Leverkusen
seit 2011: Lehrer für Deutsch und Katholische Religionslehre am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim (bei Köln)

Forschungsschwerpunkte:
Geistliche Literatur des Mittelalters
Schrift- und Lesekultur der Vormoderne
Mediale Differenzen: Handschrift und früher Buchdruck
Text-Bild-Relationen in Drucken der Frühen Neuzeit

Reihentext


Es ist das Anliegen dieser Buchreihe, in der Dissertationen, Habilitationsschriften, sonstige monographische Darstellungen und Sammelbände erscheinen werden, die Interdisziplinarität der modernen Mittelalterforschung noch mehr hervorzuheben und zu fördern als dies bisher der Fall ist. Angenommen werden Arbeiten aus allen Gebieten der Mediävistik, sofern der Aspekt der Interdisziplinarität darin betont wird, d.h. sofern sie die Grenzen eines einzelnen Faches zu überschreiten suchen.

Schlagworte

16. Jahrhundert (1500 bis 1599 n. Chr.) (124) || Europäische Geschichte (149) || Europäische Geschichte: Mittelalter (121) || Geschichte (690) || Identität (4) || Lyrik, Poesie (42) || Mittelalter (205) || Mittelalterlicher Stil (6) || Sagen & Epen (16) || Text und Bild (2) || Texte: Antike & Mittelalter (62) || geistliche Literatur (3)