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9783895006739

Botros, Atef

Kafka – Ein jüdischer Schriftsteller aus arabischer Sicht

2009
17,0 x 24,0 cm, 276 S., Gebunden
19,80 €

ISBN: 9783895006739
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Dieses Buch widmet sich der arabischen Kafka-Rezeption von 1939 bis zur Gegenwart. Der Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit Franz Kafka und seinem Werk durch arabische Intellektuelle, behandelt aber auch die produktive Rezeption und stellt Werke aus der modernen arabischen Literatur vor, die Kafkas Literatur nahstehen. Diese Kernfrage der Rezeption als Kulturübersetzung erweitert sich um die Beschäftigung mit Kafkas jüdischer Zugehörigkeit im Kontext des jüdisch-arabischen Konflikts. Über diese Umwege der Rezeption wird die moderne arabische Ideengeschichte in ihrer Vielfalt nachgezeichnet.

Ausführliche Beschreibung

„Diese Beschreibung und Erklärung des arabischen Kafka liefert uns eine sehr aufschlussreiche Charakterisierung dessen, was man im Westen inzwischen als „Krise der arabischen Identität“ zu bezeichnen sich angewöhnt hat. Ich kenne keinen tieferen Zugang zu solcherart Zwangsvorstellungen im Kontext des „Jüdischen“ als seine detaillierte Analysen.“
Prof. Georg Meggle (Philosoph, Leipzig)

„Das Buch warnt vor dem Niedergang einer langen hermeneutischen Tradition in einen literarischen Diskurs, der in politischen Stereotypen gefangen ist. Er will die Momente bewahren, in denen Kafkas Werk sich in einer seltenen Nähe zu der modernen literarischen Tradition in der arabischen Welt findet und zur Quelle eines progressiven Denkens in Ägypten wurde.“
Galili Shahar, Haaretz, 29.09.2008

„Unabhängig von Hautfarbe, Religion, Sprache und Ort spürt jeder Mensch die Nähe eines kranken Freundes, der in Prag lebte, seine Werke auf Deutsch verfasste und dessen Botschaft trotz des verfrühten Todes alle Zeiten überlebte; sein Name ist Franz Kafka“, schrieb der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali. In noch größerer Nähe des arabischen Alltages kommt Kafka in einem Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch vor: „Unter meiner Haut fand ich Kafka schlafend, in Übereinstimmung mit unserem Alptraumgewand und mit der Polizei in uns.“ Auch der Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfouz schrieb: „Gekannt habe ich Kafka schon vor mehr als vierzig Jahren, aber begegnet bin ich ihm erst vor allem nach der arabischen Niederlage von 1967.“

Seit 1939 wird Kafkas Werk in der arabischen Welt gelesen, kommentiert, übersetzt und ziemlich kontrovers diskutiert: Zwischen Identifikation, Aneignung, literarischer Inspiration, Projektion, Fehldeutung und Politisierung. Eine weit reichende Verbreitung erfährt er erst 1946 durch die einführenden Essays des ägyptischen Schriftstellers Taha Husain. Seine Kafka-Kommentare können als Teil seines Säkularisierungsprojekts begriffen werden.
Während Kafka in der arabischen Welt in den sechziger Jahren eine besondere Bedeutung erlangt, verschärft sich die osteuropäische Polemik gegen ihn im Kontext des Kalten Krieges. Angeregt durch diese Polemik und im Zuge des aufsteigenden arabischen Antizionismus stellt sich plötzlich ab 1971 die Frage nach Kafkas Haltung zum Zionismus. Die Rezeption des jüdischen Dichters, der sich überwiegend in Kreisen des Prager Zionismus bewegt, wurde nach der Verschärfung des Nahost-Konfliktes maßgeblich erschwert.
Die Abhandlung befasst sich mit der gesamten Rezeptionsgeschichte, fokussiert vor allem auf bedeutenden Auseinandersetzungen arabischer Intellektueller und geht darüber hinaus, um diese Rezeption im Kontext der modernen arabischen Ideengeschichte zu deuten. In diesem Verständnis versteht sie sich als Teil einer zukunftsorientierten Forschung, die sich mit Austauschprozessen, Ideentransfers, Kulturübersetzung, Überlappung und Interferenzen zwischen Europa und dem arabischen Raum befasst, ohne diese Sphären als Gegensätze zu begreifen.


Weitere Informationen zu diesem Thema von Atef Botros finden Sie in der Neuen Zürcher Zeitung (5. Juni 2010):
„Josef K. und seine arabischen Söhne“ oder online unter:

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/josef_k_und_seine_arabischen_soehne_1.5914579.html
(8. Juni 2010)


Ein Interview mit Atef Botros führte Zeit Online. Lesen Sie mehr unter:

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-05/kafka-arabische-welt
(8. Juni 2010)

Rezensionen

„Dieser Band befasst sich mit der Rezeption Kafkas in der arabischen Weilt - mit Schwerpunkt Ägypten - von 1939 an bis in die jüngere Gegenwart. Der Autor bemüht sich um eine objektive Studie mit kulturhistorischem Hintergrund, in der europäische und arabische Sicht gleichermaßen zum Ausdruck kommen.“

Renata Malina

In: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. (2012). Band 102. S. 379-380.
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„Die Studie (...) rekonstruiert die Rezeptionsgeschichte Kafkas im arabischen Raum auf drei Ebenen: der Übersetzung, der Literaturkritik und der produktiven Rezeption mit dem Schwerpunkt der Analyse auf der zweiten Ebene. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich dabei von 1939 bis zur Gegenwart. Als theoretische Grundlage dient dem Verf. die Rezeptionstheorie von H. R. Jauß’. Im Zentrum der Arbeit kristallisiert sich die politisierte Kernfrage nach dem Judentum K.s heraus: Wie gehen arabische Intellektuelle mit der jüdischen Zugehörigkeit K.s um und wie verhält sich die spezifische Rezeption des „Jüdischen“ zum historischen Kontext des Nahen Ostens? Der Verf. skizziert und problematisiert drei Phasen der K.-Rezeption: 1. die frühe Rezeptionsperiode mit einer integrativen K.-Aufnahme von 1939-1963 (Georges Henein, Taha Husain), 2. die Popularisierungsperiode der 1960er Jahre (Nabila Ibrahim, Mustafa Maher) und 3. die politisierte, reduzierende Phase ab 1971 (Zionismusdebatte). In Anbetracht der kaum vorhandenen Forschung über K.s Wirkung im arabischen Raum, stellt die Studie einen wichtigen Forschungsbeitrag dar, der die kulturellen Austauschbeziehungen zwischen Europa und der arabischen Welt am Beispiel der K.-Rezeption zu Tage fördert.“

Bettina Rabelhofer

In: Germanistik. 52 (2011) 1-2. S. 341.

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„Botros hat mit seiner Rezeptionsstudie eine Forschungslücke geschlossen und zugleich neue, vielversprechende Perspektiven für ähnliche und weiterführende Fragestellungen eröffnet. Dieses Buch ist nicht nur eine beachtliche Leistung, sondern stellt auch den Versuch dar, die (arabische und deutsche) Kafka-Rezeption selbst auf eine neue Ebene zu heben und dadurch letztlich die derzeit so virulente Spannung zwischen den Adjektiven „jüdisch“ und „arabisch“ für ein (wissenschafts)politisches Verständigungsprojekt produktiv zu machen, das seinem Fluchtpunkt im Nahostkonflikt hat. Ein in jeder Hinsicht begrüßenswertes Unterfangen.“

Kathrin Wittler

In: Orientalistische Literaturzeitung. 106 (2011) 1. S. 57-59.

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„(...) seine profunde und umfassende literaturwissenschaftliche Analyse der arabischen Kafka-Rezeption schließt mit einem leidenschaftlichen Appell für Frieden im Nahen Osten. Doch dabei leidet die Wissenschaftlichkeit des Werkes in keiner Weise, vielmehr befruchten sich eine engagierte, kritische Sicht auf den Konflikt im Nahen Osten und brillante literaturwissenschaftliche Analyse gegenseitig und geben dem Buch so seine genuine Qualität. (...)

Botros öffnet so auf eindrucksvolle Weise, über den Umweg der Rezeption, einen intellektuellen Zugang zum Verständnis des Konflikts im Nahen Osten. Und genau diese Mehrdimensionalität der Arbeit ist es, die es dem Autor ermöglicht, seine fundierte wissenschaftliche Analyse der arabischen Rezeption des jüdischen Literaten Kafka in dem emotionalen Appell und Wunsch enden zu lassen, dass "alle Seiten des Konfliktes endlich reuend feststellen […]: 'Ein Missverständnis ist es, und wir gehen daran zugrunde'".
Das Buch richtet sich sowohl an das Fachpublikum als auch an den interessierten Laien. Es besticht daher durch seine klare Beschreibung der komplexen Rezeptionsvorgänge. Die Einbettung seiner Untersuchungen in eine umfassende Betrachtung arabischer Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts lässt das Werk auch ohne tiefgreifende Vorkenntnisse verständlich erscheinen.
Kategorisieren lässt sich "Kafka, ein jüdischer Schriftsteller aus arabischer Sicht" mit einem Wort also nicht: das Buch ist sowohl eine eingehende, komplexe Analyse transkultureller Rezeptionsprozesse und eine historisch-präzise, profunde literaturwissenschaftliche Arbeit, als auch ein Appell, den Konflikt im Nahen Osten in einem neuen Licht zu sehen. Welchen Aspekt man auch betonen oder herauslesen möchte – die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

Von Julian Tangermann

In: Qantara.
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-802/i.html
(8. Juni 2010)

Eine englische Version der Rezension findet sich unter:
http://en.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-310/_nr-758/i.html
(8. Juni 2010)

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„Einen facettenreichen „arabischen Kafka“ entdeckt zu haben, ist das Verdienst des ägytpischen Literaturwissenschaftlers Atef Botros.“

Von Wolf Lepenies

In: Die Welt.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7107156/Kafka-von-Arabien.html
(9. April 2010)

Autoreninfo

Atef Botros, Dr. phil.

studierte Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und schloss sein Studium 2000 mit der Magisterarbeit zum Thema „Jüdisches“ in Kafkas Werk ab. Anschließend promovierte er an der Universität Leipzig in den Fächern Vergleichende Literaturwissenschaft, Arabistik und Kulturwissenschaft zur arabischen Kafka-Rezeption. 2001 bis 2004 war er Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung. Am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur der Universität Leipzig nahm er von 2003 bis 2004 an der IQN-Forschungsgruppe „Sprache, Identität, Kollektivität: Sprachphilosophische Transformationen jüdischer Existenz“ teil. 2006 schloss er seine Promotion ab und arbeitete danach als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Seit November 2007 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg. In Lehre und Forschung der Marburger Arabistik konzentriert er sich auf die moderne arabische Literatur und Ideengeschichte. Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören: „Sakralität, Säkulariträt und Gewalt im arabischen Roman“ sowie „Zeitgenössische arabische Literatur als Medium kollektiver Erinnerung“.

Reihentext


Diese Reihe stellt innovative Arbeiten zu den nahöstlichen Literaturen in ihren verschiedenen Epochen und Gattungen vor. Sie versteht sich nicht ausschließlich als ein Forum für Orientwissenschaftler, sondern möchte auch Komparatisten, Literaturwissenschaftlern und einer interessierten Öffentlichkeit Einblicke in das breite Spektrum gegenwärtig produzierter und rezipierter Literatur des Nahen Ostens bieten. Denn die Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren wollen den Titel der Reihe programmatisch verstanden wissen. Sie gehen von einem Begriff der Weltliteratur aus, der die orientalischen Literaturen nicht nur statisch einbegreift, sondern sie in ein Kulturregionen und Nationalsprachen übergreifendes Spannungsfeld stellt, dessen Dynamik erst im interdisziplinären Austausch erfasst werden kann. Sie gehen ferner davon aus, dass Literaturen in vielfacher Weise intertextuell geprägt sind, dass sie Lektüren verschiedenster vorausgehender Texte darstellen und daher erst in ihrem „lokalen historischen Kontext“ ihren Reiz als Ausdruck einer regional geprägten Ästhetik entfalten können. Die Reihe versucht so, einer neuen Sensibilität für mythische, archetypische, aber auch historische Subtexte in der nahöstlichen Literatur Bahn zu brechen, sie aber gleichzeitig als wichtigen Ausdruck einer globalen kulturellen Mobilität sichtbar zu machen.

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