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9783895004148

Kemper, Michael

Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan

Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat

2005
17.0 x 24.0 cm, 480 p., 2 maps, hardback
89,00 €

ISBN: 9783895004148
Preface
Table of Contents

Short Description

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Diese Arbeit stellt den Widerstand der Muslime des Nordkaukasus gegen das russische koloniale Vordringen und den Dschihad-Staat von Imam Schamil (reg. 1834 bis 1859) in die Kontinuität einer jahrhundertelangen daghestanischen Tradition von islamisch legitimierter Herrschaft und Rechtsgelehrsamkeit. Eine Untersuchung der Debatten um Scharia und Gewohnheitsrecht seit dem 15. Jahrhundert sowie der sufischen und gelehrten Netzwerke des 19. Jahrhunderts anhand von einheimischen Quellen in arabischer Sprache zeigt, dass nicht der erst relativ spät „importierte Sufismus“ der Naqshbandiyya die treibende Kraft und Legitimation des Dschihad war, sondern der Versuch, auf Basis der Scharia ein islamisches Staatswesen zu gründen.

Description

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Diese Arbeit beschreibt den Widerstand der Muslime des Nordkaukasus gegen das russische koloniale Vordringen im 19. Jahrhundert in die Kontinuität einer jahrhundertelangen regionalen Tradition von islamisch legitimierter Herrschaft und Rechtsgelehrsamkeit. Bereits die ältesten islamischen Quellen Daghestans, die Islamisierungslegenden der Fürstentümer und die Rechtsaufzeichnungen der Gemeindebünde (15./16. Jahrhundert), reflektieren den Streit um das Verhältnis von islamischem Recht und Gewohnheitsrecht. Im 18. Jahrhundert wurde der Islam zum Abwehrkampf daghestanischer Gemeinden und Fürsten gegen Iran instrumentalisiert, und Rechtsgelehrte versuchten, in ihren Berggemeinden das als unislamisch empfundene Gewohnheitsrecht durch islamisches Recht zu ersetzen.
Vor dem Hintergrund dieser regionalen Herrschafts- und Rechtsgeschichte erscheint auch der berühmte Dschihad der Muslime Daghestans und Tschetscheniens gegen das russische Vordringen im 19. Jahrhundert in anderem Licht. Bisher ging die Forschung davon aus, dass der langjährige militärische Widerstand wie auch der Aufbau des Dschihad-Staates im wesentlichen eine Leistung der sufischen Bruderschaft der Naqšbandiyya war, die erst kurz zuvor aus dem Osmanischen Reich nach Daghestan gelangt war. Dieser Interpretation zufolge gelten die drei aufeinanderfolgenden Imame und insbesondere der dritte Imam Šamil (reg. 1834 bis 1859) als Oberhäupter dieser Bruderschaft. Diese Sicht basiert im wesentlichen auf russischen Quellen und Militärberichten. Die hier nun vorgenommene Untersuchung der sufischen und gelehrten Netzwerke und Diskurse der Šamil-Zeit anhand von einheimischen Quellen in arabischer Sprache zeigt hingegen, dass die Imame selbst gar keine Sufi-Scheiche waren, und dass Sufis kaum in Militär und Verwaltung des Dschihad-Staates eingebunden waren. Vielmehr stützte sich Šamil in diesen Bereichen vor allem auf alteingesessene Notablenfamilien. Auch beriefen sich die Dschihad-Imame in ihren Sendschreiben nicht auf sufische Ideale, sondern eben auf daghestanische Rechtsgelehrte des 18. Jahrhunderts und deren Kampf gegen das unislamische Gewohnheitsrecht. Hieraus folgt, dass nicht der „importierte“ Sufismus die treibende Kraft des Dschihad war, sondern das islamische Recht und der Versuch, ein islamisches Staatswesen auf der Basis der Scharia zu begründen. Diese Erkenntnis ist von weitreichender Bedeutung für unser heutiges Verständnis der Geschichte Daghestans, verweist sie doch auf die Kontinuität der eigenen Traditionen des Nordkaukasus, die allerdings durch extern bedingte Krisen jeweils neue Anstöße erhielten. Die Unterscheidung zwischen internen und externen Faktoren sowie zwischen sufischen und gelehrten Legitimationsdiskursen und Netzwerken ermöglicht zudem auch eine bessere Vergleichbarkeit des nordkaukasischen Dschihad mit anderen antikolonialen Dschihad-Bewegungen des 19. Jahrhunderts.

Reviews

“If such original conclusions on the long-term evolution of Islamic statehood in the Nothern Caucasus will probably raise discussion in academic and other circles, it makes no doubt that this work, written according to the highest standards of research, has already taken a prominent place in the modern historiography of Dagestan. It remains to be hoped that it will soon be translated into Russion language, and become accessible to the largest possible audience.”

Julietta Meskhidze

In: Central Eurasian Reader. 2 (2010). pp. 214-215.

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“Kemper gives the reader a picture on why this area of the world today is unpredictable and unstable, and shows that the desire these peoples have for a Muslim state is not a recent phenomenon. from his work, one can infer that unless this region is governed under some form of strict Islamic law and given some kind of local autonomy, it will remain volatile.”

Mary Ann Wilkes

In: Iran and the Caucasus. 13 (2009). p. 158.

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“The chapter's main contribution, however, is the detection of what Kemper calls “the shari’a movement” in Daghestan in the late seventeenth and eighteenth centuries. (This “shari’a movement,” being contemporary to similar movements all over the world of Islam, must be studied in connection with and as part of them.) This leads to Kemper's major thesis that the jihad movement was not connected to the arrival of the Naqshbandiyya in Daghestan but was rather an internal, independent development. The Naqshbandiyya merely converged into and reinforced this movement. In this Kemper joins other scholars denying any role to the Sufi Naqshbandi brotherhood in the resistance movement. Such a division between internal developments and external influences, however, errs in looking at Daghestan as isolated from the outside world, while it was, in fact, an integral part of the Muslim world and its cultural and intellectual life. It is this latter point that needs to be studied thoroughly in Oorder to give us a clearer picture of Daghestan itself as well as the wider world of Islam.
In conclusion, Kemper's is a major work of scholarship, an eminent contribution to our knowledge and a must for anyone dealing, not only with Daghestan, but with Islamit revival and anticolonial resistance movements in general. One can only hope that the book will be translated into English, for the benefit of those who do not read German.”

In: Slavic Review. 66 (2007) 1. S. 143-144.

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„Zunächst stellt der Autor die politische und rechtliche Entwicklung Daghestans dar - von den ersten arabischen Feldzügen im 7. Jahrhundert bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Danach behandelt er die islamischen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts und das Imamat.
Viele politische und rechtliche Entwicklungen im Nordostkaukasus erscheinen so in neuem Licht. Wichtigstes Ziel der Arbeit dürfte die Feststellung sein, daß es sich bei dem Imamat nicht um die islamische Antwort auf das russische Vordringen handelte. Vielmehr waren die Durchsetzung der Scharia und der Aufbau eines islamischen Staates unter den Imamen die letzte Stufe einer autochthonen Entwicklung.
(...) Im Gegensatz zu anderen Bänden der Reihe [Kaukasienstudien] hat das Buch keinen Kompendium- oder Lexikoncharakter. Trotzdem ist es sehr gut geeignet, sich einen fundierten Überblick über die politische und rechtliche Entwicklung Daghestans und des Nordostkaukasus zu verschaffen.“

In: Georgica. 28 (2005). S. 256-257.

Keywords

19th century, c 1800 to c 1899 (58) || Comparative politics (7) || Daghestan (2) || Dynastie || Herrschaftsordnung || Historical states & empires: Europe (15) || Historical states, empires & regions (201) || History (736) || Imamat || Islam (47) || Islamisierung (2) || Jihad (2) || Kaukasuskrieg (2) || Khanat || Kommunalismus || Literarische Quellen (2) || Naqshbandiyya || Nationalism (4) || Nationalismusforschung (2) || Nordkaukasus (2) || Political ideologies (5) || Politics & government (65) || Politik (14) || Religion & beliefs (213) || Religion: general (90) || Religious intolerance, persecution & conflict (5) || Religious issues & debates (8) || Scharia (4) || Shariah law (5) || Shariah law: Islamic rituals || Shariah law: Islamic rituals: jihad || Shariah law: key topics & practice || Sowjetunion (6) || Sufismus (4) || Transformationsprozess (2) || USSR, Soviet Union (4) || Zeitgeschichte (12)