Diagramme sind keine statischen Figuren, sondern im doppelten Sinne dynamische Konfigurationen: durch die Beziehungen, die sie zwischen den Informationen herstellen, die sie bereitstellen und durch die Reihenbildung von mehreren Diagrammen innerhalb jedes textuellen oder ikonischen Werkes. Anders gesagt, präsentieren sie einen Rhythmus oder besser noch, sie schaffen einen visuellen Rhythmus, der sich wiederum auf kosmische, biologische, musikalische, rituelle oder soziale Rhythmen bezieht. Die Publikation möchte, in dem sie ausgehend von der modernen Auffassung von sozialen Rhythmen theoretisch den Begriff des Rhythmus im Mittelalter vertieft, unser Verständnis der Diagramme und ihrer Funktion in der mittelalterlichen Kultur bereichern.
Die Frage nach der Zeit steht im Zentrum der Definition von Geschichte als Geisteswissenschaft. Aber was bedeutet die Zeit für einen Historiker? Die Zeit ist der zwangsläufige Träger von evolutionären Phänomenen, die der Historiker untersucht und zu erklären versucht, die er aber viel seltener selbst zum Objekt seiner Reflexionen macht. Und wenn doch, dann fragt er sich: Was ist Zeit? Was die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft? Die Dauer, das Ereignis, das Datum, das Jahrhundert? Wie ist das Verhältnis zwischen der Zeit der Geschichte und der Zeit der Erinnerung?
Die historische Dimension des Ganzen: Was sind die Konzeptionen und die Repräsentationsweisen der Zeit in den vergangenen Gesellschaften? Wie haben die Menschen die Zeit in den vorausgegangenen Zivilisationen gemessen? In welchen zeitlichen Massstäben haben sie ihre täglichen Aktivitäten rhythmisiert? Wir leben heute in einer globalisierten Zeit, mit einer universellen Uhrzeit, gemessen mit den gleichen atomaren Techniken, die immer genauer werden, wohingegen früher der Bereich der Ausdehnung der Zeiterfassung und der Kalender die räumlichen Grenzen eines einzelnen Volkes, einer Kultur, eines Königreiches nicht überschritten haben. Die Fragen bezüglich der Zeit sind in unserer heutigen Gesellschaft entscheidend. Deshalb ist es umso wichtiger, sie in einer Geschichte zu verorten, die sich aufmerksam den technischen Veränderungen der Zeitmessung, den Konzepten und jeglichen erdachten und abgebildeten Zeit-Formen in der Vergangenheit widmet. Dazu möchte die vorliegende Publikation mit einer Analyse der mittelalterlichen Darstellungsweisen von Zeit einen Beitrag liefern.
„Der Band bietet Studierenden und Interessierten einen kompakten Überblick über die Vorstellungen von und im Mittelalter und ihren vielfältigen Visualisierungen zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Jeder Abschnitt des Textes ist von farbigen Abbildungen im Tafelteil begleitet, die die Bildbeschreibungen und Argumente Schmitts unterstützen und anschaulich machen.“
Von: Anja Rathmann-Lutz
In: Mittellateinisches Jahrbuch (Sonderdruck), Band 52 (2017) 2, S. 314-316.
Jean-Claude Schmitt (*1946) ist Directeur d’études an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und leitet den Groupe d’anthropologie historiques de l’Occident Médiéval (GAHOM). Seine Bücher wurden in zahlreiche europäische Sprachen und regelmässig auch ins Japanische übersetzt. Zahlreiche Ehrungen.
Die Schriftenreihe umfasst die jährlich zur Eröffnung der renommierten mediävistischen „Wolfgang-Stammler-Gastprofessur“ gehaltenen Vorträge, vielfach in stark erweiterter Form und immer mit einer vollständigen Bibliographie des jeweiligen Inhabers. Alle Bände sind einem interdisziplinären Mittelalterbild verpflichtet und repräsentativ für den spezifischen Beitrag ihrer Verfasser zur aktuellen Mediävistik.
Les diagrammes (scientifiques, pédagogiques, historiques, liturgiques, moraux, etc.) ne sont pas des figures statiques, mais des configurations doublement dynamiques : par les relations qu’ils établissent entre les informations qu’ils mobilisent et par la mise en série de plusieurs diagrammes au sein de chaque œuvre textuelle ou iconique. Autrement dit, ils présentent un rythme ou mieux encore, ils créent un rythme visuel, se référant lui-même à des rythmes cosmiques, biologiques, musicaux, rituels ou sociaux. En approfondissant théoriquement la notion de rythme au Moyen Âge (mais en partant de la notion moderne de rythmes sociaux), l’exposé souhaite pouvoir enrichir notre compréhension des diagrammes et de leur fonction dans la culture médiévale.