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9783895000300

Plate, Ralf

Die Überlieferung der »Christherre-Chronik«

2005
17,0 x 24,0 cm, 380 S., 42 s/w Abb., Leinen
59,00 €

ISBN: 9783895000300
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Die bislang noch unedierte ‚Christherre-Chronik‘ eines anonymen Verfassers aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ist einer der Schlüsseltexte der mittelhochdeutschen Vers-Weltchronistik. Die vorliegende Arbeit ist zum einen als editionsvorbereitende Untersuchung angelegt, zum anderen stellt sie als überlieferungsgeschichtliche Studie die Forschungsdiskussion über die Geschichte der Gattung auf eine neue Grundlage. Erstmals seit dem frühen 19. Jahrhundert wird die gesamte heute bekannte Überlieferung des Werks in beinahe 100 Handschriften und Fragmenten zusammengestellt und textgenealogisch und überlieferungstypologisch analysiert. Ein umfangreicher Abbildungsteil illustriert die Handschriftenbeschreibungen

Ausführliche Beschreibung

Die mittelhochdeutsche Vers-Weltchronistik hat in der jüngeren literaturgeschichtlichen Forschung starke Beachtung gefunden. Dabei wurde die Rolle der Vers-Weltchronik als Leitform der Großepik herausgestellt, in der sie im Spätmittelalter den höfischen Roman ablöst, und es wurde auf die lebendige Tradition der Gattung im 14. und 15. Jahrhundert hingewiesen, wie sie sich insbesondere in den Kompilationswerken z.B. des ‚Heinrich von München‘-Komplexes zeigt, die in zahlreichen illustrierten Prachthandschriften erhalten sind. Das genauere Verständnis der Gattung und ihrer über zweihundertjährigen Geschichte war allerdings dadurch behindert, dass einer ihrer Schlüsseltexte bislang nicht ediert ist und seine Überlieferung unaufgearbeitet war. Das von einem anonymen Autor um die Mitte des 13. Jahrhunderts hinterlassene Werk, das nach seinem Textanfang (Crist herre über alle craft) ‚Christherre-Chronik‘ genannt wird, unternimmt es, die Weltgeschichte von der Schöpfung bis zur Gegenwart des Verfassers zu erzählen, bricht aber nach über 24.000 Versen in der biblischen Geschichte des Alten Testaments ab. Dem Großtorso, de facto eine alttestamentliche Reimbibel, war ein unmittelbarer und langanhaltender Erfolg beschieden. In der vorliegenden Arbeit wird erstmals seit dem frühen 19. Jahrhundert die erhaltene Überlieferung der ‚Christherre-Chronik‘ in beinahe 100 Handschriften und Handschriftenresten des 13. bis 15. Jahrhunderts vollständig zusammengestellt und beschrieben. Die Arbeit ist zum einen als editionsvorbereitende Monographie angelegt, zum anderen als überlieferungsgeschichtliche Studie, die der Forschungsdiskussion über die Geschichte der Gattung neue Perspektiven eröffnen will. Der kritische Forschungsüberblick der Einleitung stellt hinsichtlich der literaturgeschichtlichen Diskussion insbesondere die bislang angenommene beherrschende Rolle der Kompilationen in Frage, rechtfertigt den überlieferungsgeschichtlichen Ansatz beim Einzelwerk und begründet die Anlage der Darstellung in zwei Teilen, die in vielfältiger Weise aufeinander bezogen sind: Der erste Teil gilt der Gesamtüberlieferung, die zunächst in einem konzisen Gesamtverzeichnis erfaßt (Kapitel A) und anschließend in textgenealogischer (Kapitel B) und in überlieferungstypologischer (Kapitel C) Perspektive analysiert wird. Der zweite Teil hat den Haupttyp der unvermischten Überlieferung in acht erhaltenen Kodizes (Kapitel A) und 31 durch Fragmente bezeugten Handschriften (Kapitel B) zum Gegenstand, die ausführlich beschrieben werden. Als Ergebnis dieser Beschreibungen werden in Kapitel C Grundlinien und Hauptaspekte der Geschichte der unvermischten Überlieferung der ‚Christherre-Chronik‘ herausgearbeitet. Ein Tafelteil mit Abbildungen aus den im zweiten Teil beschriebenen Handschriften und Fragmenten beschließt das Buch.

Rezensionen

„Die in der Tradition der „Weltchronik“ Rudolfs von Ems verfaßte „Christherre-Chronik“ gehört mit knapp 100 Textzeugen zu den erfolgreichsten volkssprachigen Reimchroniken des späteren Mittelalters. In der Forschung blieb das Echo entgegen der mittelalterlichen Popularität allerdings gering. (...)
Plates Darstellung und Analyse der Überlieferung der „Christherre-Chronik“ läßt kaum Wünsche offen. In knappen Strichen werden zunächst die Konturen der mhd. Vers-Weltchrinistik, die Entstehungshintergründe der „Christherre-Chronik“ und die Grundzüge ihrer Überlieferungsgeschichte nachgezeichnet. (...)
Mit der besprochenen Arbeit liegt ein weiterer zentraler Baustein zur Erfassung der bis in die jüngste Vergangenheit fast vollständig aus der germanistischen und der historischen Mediävistik ausgeblendeten Gattung „Vers-Weltchronik“ vor.“

In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 136 (2007) Heft 4. S. 526-528.

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„Den respektgebietenden Arbeitsaufwand, den die Analyse dieses weit verbreiteten, umfangreichen und schwierig überlieferten Textes bereitet hat, darf man hier keinesfalls unerwähnt lassen. Plates ausdauernde Mühen um die CC haben sich jedenfalls ausgezahlt. Seine Grundlagenforschung liefert neben einer neuen Sicht auf den Gesamtbefund und vielen detaillierten Beobachtungen zu Einzelproblemen eine große Zahl weiterführender und über den Gegenstand weit hinausweisender Erkenntnisse. Das Ganze ist stilsicher, zum Teil exzellent formuliert und in einer unaufgeregten Diktion vorgetragen, die das Lesen trotz einer gewissen unvermeidbaren Trockenheit der Materie zur dankbaren Aufgabe macht.
Plates Werk dürfte der Forschung zu den gereimten deutschen Weltchroniken des Mittelalters nachhaltige Denkanstöße geben, einige ihrer alten Thesen gründlich revidieren und der zukünftigen Arbeit an verwandten Texten in vielerlei Hinsicht methodische und perspektivische Fingerzeige geben. Darüber hinaus kann jeder überlieferungsgeschichtlich und editorisch Interessierte aus diesem Buch lernen. Nun muss – aber das liegt nicht mehr in Plates Hand – dringend die Ausgabe vorgelegt werden. Danach dürften in Bezug auf die CC keine philologischen Wünsche mehr offen bleiben.“

In: IASLonline [17.04.2007]
http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=1515

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„Mit seinen Untersuchungen hat Ralf Plate die umfangreiche handschriftliche Überlieferung eines zentralen Textes des 13. Jahrhunderts geordnet und methodisch kontrolliert aufgearbeitet; damit hat er viel Erhellendes und Weiterführendes zur verwickelten Textgeschichte der deutschen Weltchroniken beigetragen. Eine ähnlich systematische Aufarbeitung würde man sich auch für die Überlieferung der Weltchroniken Rudolfs von Ems und Jans Enikels, namentlich für deren Fragmentüberlieferung wünschen.
Ralf Plate hat sich der materiellen Erscheinungsformen der deutschen Literatur des Mittelalters, und seien diese noch so bruchstückhaft auf uns gekommen, mit großer philologischer – das Wort im eigentlichen Sinne verstanden – Akribie angenommen. Diese Akribie ist Ausdruck einer hohen Wertschätzung der Handschriften als Zeugen der Vergangenheit weit über das fachwissenschaftliche Interesse hinaus. In Zeiten, in denen Regierungen daran denken, mittelalterliche Handschriften, nationales Kulturgut also, zu veräußern, um den maroden Haushalt zu sanieren, kann man das gar nicht genug loben.“

In: Perspicuitas. [23.11.2006]
http://www.uni-due.de/imperia/md/content/perspicuitas/rezklein.pdf

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„Der überraschende Befund ist, daß mehrere Annahmen der bisherigen Forschung zur „Chroni“k nur auf Kompilationshss. basieren und auf den ursprünglichen „Christherre“-Dichter nicht zutreffen. So zum Beispiel war die für Heinrich von München so wichtige „aetates“-Lehre kein wesentliches Gliederungsprinzip für die „Christherre-Chronik,“ die vielmehr nach Bibelbüchern geordnet ist. Im Gegensatz zu Rudolf von Eins und Jans dem Enikel hat der „Christherre“-Dichter auch keine Bilder vorgesehen: illustrierte „Christherre“-Hss. sind ausnahmslos Kompilationen. Außerdem stellt sich heraus, daß die Überlieferung in unvermischten Hss. viel länger anhielt als bisher angenommen – mitunter bis in das 15. Jh. –, und daß die berühmte Verbindung mit einem fortsetzenden Text aus Rudolfs „Weltchronik“ erst spät – Ende des 14. Jh. – einsetzte. Diese Einsichten sind enorm wichtig für unser Verständnis von der Entwicklung der volkssprachigen Weltchronistik. Plates vorsichtige und detaillierte Arbeit schließt eine der empfindlichsten Lücken der dt. „Chronik“-Forschung.

In: Germanistik. 47 (2006) Heft 1-2. S. 227-228.

Autoreninfo

Ralf Plate
Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte an der Universität Trier; M.A. 1987, Promotion 1996. Mitarbeiter in Forschungsprojekten und Lehrbeauftragter an der Universität Trier seit 1988, seit 2000 Angestellter der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Leiter der Mainzer Arbeitsstelle des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs an der Universität Trier.
Forschungschwerpunkte: Ältere deutsche Philologie, besonders Überlieferung, Grammatik und Lexikographie des Mittelhochdeutschen.

Schlagworte

1000 bis 1500 nach Christus (339) || 13. Jahrhundert (1200 bis 1299 n. Chr.) (100) || 14. Jahrhundert (1300 bis 1399 n. Chr.) (89) || 15. Jahrhundert (1400 bis 1499 n. Chr.) (116) || Bibelübersetzung (2) || Buchgeschichte (3) || Europa (35) || Europäische Geschichte (165) || Europäische Geschichte: Mittelalter (134) || Geschichte (730) || Geschichte: Theorie und Methoden (213) || Geschichtsforschung: Quellen (205) || Handschrift (52) || Handschriftenillustration (2) || Heinrich, von München (2) || Jansen Enikel, Jans || Kodikologie (3) || Kunstgeschichte (214) || Literatur: Geschichte und Kritik (148) || Literaturwissenschaft, allgemein (102) || Mediengeschichte (2) || Mittelalter (228) || Mittelhochdeutsch (18) || Paläografie (194) || Paläographie (65) || Rudolf, von Ems || Sprachwissenschaft, Linguistik (651) || Weltchronik || deutsche Literaturgeschichte || mittelalterliche Bibelrezeption. || ‚Christherre-Chronik‘