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9783954901500

Oetjens, Lena

Amicus und Amelius im europäischen Mittelalter Erzählen von Freundschaft im Kontext der Roland-Tradition

Texte und Untersuchungen

2016
15,5 x 23,0 cm, 612 S., 6 s/w Abb., 8 farb. Abb., Schutzumschlag
119,00 €

ISBN: 9783954901500
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Amicus und Amelius galten in der mittelalterlichen Literatur als ideales Freundespaar. In den Erzählungen über die beiden Freunde geht es um die Bedeutung von Treue im christlichen Glauben, um das Freundschaftsideal sowie um das Verhältnis von Freundschaft und Verwandtschaft.
Die Autorin präsentiert die drei Haupttexte in einer lateinisch-deutschen Ausgabe und erschließt interpretatorisch die Bezüge zu Roland, Karl dem Großen und dem Heiligen Jakobus. Darüber hinaus untersucht sie die rezeptionsgeschichtliche Dynamik der mehrsprachigen Erzähltradition um Amicus und Amelius von den ersten chronikalen Erwähnungen bis hin zum ›Engelhart‹ Konrads von Würzburg.

Ausführliche Beschreibung

Amicus und Amelius galten in der mittelalterlichen Literatur als Inbegriff der Freundschaft. Sie sehen einander zu Verwechseln ähnlich, stehen in mehreren Krisen bedingungslos füreinander ein und sterben gemeinsam. Doch die mehrsprachige, jahrhundertealte Erzähltradition ihrer Freundschaftstreue weist zugleich Ambivalenzen auf. Die radikalen Entscheidungen, dass Amicus wegen der heimlichen Liebe des Freundes zur Königstochter im Gerichtskampf einen Mann tötet und Amelius für die Heilung des kranken Freundes die eigenen Kinder opfert, werden in den Texten jeweils anders perspektiviert.
Die Autorin präsentiert die drei Haupttexte dieser Erzähltradition in einer lateinisch-deutschen Ausgabe. Sie differenziert in drei Fallstudien die je verschiedenen Spannungen zwischen dyadischer Freundschaft, deren Relation zur Gesellschaft sowie der christlichen Religion und ordnet sie in ihr literaturhistorisches Umfeld ein.
Die Ergebnisse der Fallstudien zeigen, dass Rolands Martyrium wesentlich zum Verständnis der lateinischen Amicus und Amelius-Tradition beiträgt. Denn die Gerechtigkeit des durch Gott legitimierten Krieges aus der Roland-Tradition wird mit dem Freundschaftsideal von Amicus und Amelius verschränkt. Die Autorin diskutiert diesen Zusammenhang mittels überlieferungsgeschichtlicher, poetologischer und kulturhistorischer Argumente.
Für die Erschließung der rezeptionsgeschichtlichen Dynamik fügt die Autorin eine komparatistisch breit angelegte Übersicht von Werken des 12. bis 15. Jahrhunderts hinzu. Während sich die historiographischen und pastoral-theologischen Texte einerseits weiterhin an die lateinische hagiographische Tradition anschließen lassen, resultiert andererseits bereits aus ihrer Übertragung in andere Sprachen und Kulturräume eine unterschiedlich breite Varianz auf semantischer, struktureller und handlungslogischer Ebene.
Die volkssprachlichen Adaptationen hingegen stehen in ihrer Art des »Wiedererzählens« quer zur lateinischen Tradition: Jedes dieser Werke hat eine eigene Intention, konzentriert sich auf die dafür geeigneten Handlungskerne der Materia und tilgt weitere Aspekte. Die unterschiedlich akzentuierenden Werke spitzen die Treue von Amicus und Amelius dabei entweder episch oder geistlich zu. So demonstriert die Autorin Verbindungslinien sowohl zu den frommen Pilgern der ›Jakobsbrüder‹ als auch zu den tapferen Rittern der ›Chanson d’Ami et Ami‹ oder des höfischen ›Engelhart‹ Konrads von Würzburg.
Die vorliegende Erschließung der Werke über Amicus und Amelius in ihrer jeweiligen kontextuellen Einbindung lässt ihre Komplexität erst sichtbar werden und bietet interdisziplinär neue Perspektiven auf diese facettenreiche mittelalterliche Erzähltradition.

Autoreninfo

Dr. Lena Oetjens, geb. 1983, studierte Germanistik und Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig sowie Mittel- und Neulatein an der Universität Erlangen. Seit 2011 ist sie am Deutschen Seminar der Universität Zürich tätig. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Verhältnis von mittelhochdeutscher und mittellateinischer Literatur sowie der Handschriftenkultur. Gegenwärtig forscht sie als Mitarbeiterin in der Berliner Forschergruppe »Diskursivierungen von Neuem. Tradition und Novation in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten« zu Novationsdynamiken im spätmittelalterlichen Liebesdiskurs.

Reihentext


Die „Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters“ (MTU) sind eine international hochrenommierte Reihe der germanistischen Mittelalterforschung. Sie stellt ausgewählte editorisch und methodisch-analytisch orientierte Arbeiten von Fachkollegen aus dem In- und Ausland für die wissenschaftliche Öffentlichkeit bereit. Publikationssprachen sind Deutsch und Englisch. Ziel der Reihe ist die Publikation von ausgewählten Forschungsergebnissen vorrangig aus zwei Wissenschaftsfeldern: – Grundlagenforschung: Editionen, Untersuchungen zur Überlieferungs- und Textgeschichte, Standardrepertorien aus den Bereichen der material philology – Analytische Beiträge zur aktuellen Methodendiskussion anhand exemplarischer Untersuchungen.

Schlagworte

Europäische Geschichte (146) || Europäische Geschichte: Mittelalter (118) || Geschichte (683) || Gesellschaft und Kultur, allgemein (259) || Klassische Lyrik, Lyrik bis 1900 (17) || Kultur- und Medienwissenschaften (179) || Kulturwissenschaften (161) || Literatur (35) || Literatur: Geschichte und Kritik (140) || Literaturwissenschaft, allgemein (96) || Lyrik, Poesie (42) || Mittelalter (203) || Rolandslied (2) || Sagen & Epen (16) || Texte: Antike & Mittelalter (62) || Tradition (2)