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9783954900091

Herausgeber: Griesbach, Jochen

Polis und Porträt

Standbilder als Medien öffentlicher Repräsentation im hellenistischen Osten

2014
24,0 x 32,0 cm, 192 S., 2 farb. Abb., 94 s/w Abb., Gebunden
69,00 €

ISBN: 9783954900091
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Aus öffentlichen oder privaten Geldern errichtete Porträtstatuen zu Ehren verdienter Männer und Frauen bildeten seit dem Hellenismus die beliebteste Form individueller Repräsentation in der griechischen Poliswelt. Im vorliegenden Band zu einer internationalen Tagung in München (4. – 6. Dez. 2009) nähern sich Nachwuchswissenschaftler vor allem der Frage, nach welchen Kriterien diese multimedialen Monumente räumlich in Szene gesetzt wurden. Dabei geht es zum einen um die Rekonstruktion von Denkmälerlandschaften vor dem Hintergrund ihrer antiken Lebenswirklichkeit, zum anderen um die kultur- und sozialgeschichtlichen Erkenntnisse, die sich aus ihrer Betrachtung gewinnen lassen: Strategien zur Legitimation von selektiven Vorbildern in einer demokratisch orientierten Gesellschaft, dynamische Faktoren bei der Grenzziehung zwischen Privat und Öffentlich, ortsspezifischen Einsatz von sozialen Rollenbildern, Modelle der Integration von Vertretern einer fremden Hegemonialmacht in den eigenen Denkmälerbestand oder Konstruktionen von Geschichte über Gesichter und Körper, die man ihr aus scheinbar unvergänglichen Materialien verleiht. Anhand ausgewählter Kontexte wird so deutlich gemacht, wie den öffentlichen Räumen griechischer Städte über die Aufstellung von Standbildern Bedeutungsordnungen eingeschrieben wurden und welche Veränderungen im Verlauf der hellenistischen Epoche bis zu den Anfängen der Kaiserzeit dabei zu verzeichnen sind.

Ausführliche Beschreibung

Mit den Akten zur internationalen Tagung Polis und Porträt liegt eine nützliche Zusammenstellung von Synthesen zu Kontexten hellenistischer Bildnisstatuen vor, die vorwiegend aus aktuellen Qualifikationsarbeiten und Forschungsprojekten von Nachwuchswissenschaftlern der Klassischen Archäologie und der Alten Geschichte hervorgegangen sind. In der Mehrzahl der Beiträge geht es um die Frage, welche kommunikativen Absichten und Leistungen aus der raumspezifischen Aufstellung und Verteilung von Porträtdenkmälern in den Poleis und Heiligtümern Griechenlands und Kleinasiens abgeleitet werden können. Die Standbilder mit ihren Inschriften werden demnach vor allem als Medien begriffen, über die in der hellenistischen Öffentlichkeit primär und langfristig kollektive Wertbegriffe wie Ehr- und Erinnerungswürdigkeit ausgehandelt wurden. Da sich solche 'Ehrenstatuen' in der Praxis grundsätzlich intensiver Konkurrenz ausgesetzt sahen, bedurfte es bei ihrer Platzierung und Gestaltung strategischer Überlegungen, die den veränderungsanfälligen Umständen Rechnung tragen mussten. In einer ausführlichen Einführung zum Forschungsstand wird u. a. zusammengefasst, welche sich ablösenden Tendenzen in dieser dynamischen Grundkonstellation im Verlauf der Epoche beobachtet werden können.
Unter den Kontexten der Porträtstandbilder stehen einzelne prominente wie prägnante Beispiele im Fokus: Auf der zentralen Ägäisinsel Delos, gilt das Augenmerk vor allem der diachronen Entwicklung der Monumente im Apollon-Heiligtum (Herbin) und den auf die Spitze getriebenen Repräsentationsformen auf der sog. Italiker-Agora (Trümper). Anhand des Athena-Heiligtums von Pergamon (Mathys) werden die spezifischen Rahmenbedingungen bürgerlicher Selbstdarstellung in einer hellenistischen Residenzstadt deutlich. Im traditionsreichen Temenos des Zeus in Olympia mussten für den wachsenden Bestand an Statuen völlig neue Standorte geschaffen werden wie etwa vor der Echohalle (Leypold), während auf der Agora von Thasos (Biard) der zunehmende Einfluss der Römer Maßnahmen zu einer Neuorientierung der Denkmäler bewirkte.
Über den topologischen Ansatz hinaus sind die Beiträge auch übergreifenden Fragen gewidmet wie dem komplizierten Verhältnis von 'Öffentlich' und 'Privat' (Ma, Griesbach, Sporn) bei Ehrenstatuen, sei es im Bezug auf die Kontexte, sei es im Bezug auf die Auftraggeber. Einzeluntersuchungen zur ikonographischen Definition sozialer Rollenbilder wie z.B. bei Strategen (Laube) und zur Modifizierung oder Konstruktion von 'Erinnerungslandschaften' auf der Akropolis von Athen (Krumeich) bzw. in der sog. Ärzteschule der italischen Koloniestadt Elea (Galli) runden die Betrachtung der Porträtdenkmäler als Medien ab. Insgesamt liefert der Band nicht nur zahlreiche neue Daten zu den archäologischen Primärquellen, sondern auch eine weitreichende Revision der Befunde unter neuer Perspektive.

Rezensionen

„La publication, sous la direction de Jochen Griesbach, du colloque tenu à l’Institut für Klassische Archäologie de la Ludwig-Maximilians-Universität de Munich en décembre 2009 est à saluer sur plusieurs points. La première est la qualité formelle de la publication: les textes sont d’une grande aisance de lecture grace à une mise en page sobre et soignée, les figures, tout en noir et blanc à l’exepction de deux blanches rejetées en fin de volume, ont été choisies avec soin et viennent en général appuyer avec pertinence le propos des articles. On soulignera également la dimension internationale de ce colloque. [...] Nulle doute que la qualité des travaux de recherche publies ici et leur pertinance au regard du thème du colloque feront de ces actes un ouvrage de référence sur le sujet.“

Von: Martin Szewczyk
In: Bonner Jahrbücher Bd. 215 (2015), S. 452-455.
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„In sum, the chapters in this volume are model examples of how to do careful historical and archaeological research on honorific portrait statues, and should be required reading for anyone interested in Hellenistic and Roman portraiture. The authors demonstrate time and again that much more can be said even about material that is well known and/or excavated long ago. More work, of course, needs to be done, and many of the chapters point towards productive areas for future research. (...) It is truly an exciting time to be working on the history of honorific portraiture in the Greek East, and the editor should be congratulated for bringing together such a stimulating set of papers.“

Von Sheila Dillon

In: http://www.sehepunkte.de/2016/04/druckfassung/26464.html
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„Insgesamt liefert der Band nicht nur zahlreiche neue Daten zu den archäologischen Primärquellen, sondern auch eine weitreichende Revision der Befunde unter neuer Perspektive.“

In: http://fachbuchkritik.de/html/polis_und_portrat.html

Autoreninfo

Jochen Griesbach (Jg. 1970) ist Klassischer Archäologe und hat an den Universitäten Köln, Bonn, Heidelberg und Berlin (FU) studiert. Von 2007 bis 2012 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Klassische Archäologie der LMU München. Heute leitet er die Antikensammlung im Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Siedlungsarchäologie und Urbanistik sowie die Bildnisse von Griechen und Römern.

Reihentext


Die Entwicklung der griechischen „polis“ und der römischen „urbs“ ist ein zivilisatorischer Prozess, der sich durch die Erforschung der materiellen Überreste und anderer antiker Quellen veranschaulichen lässt. Die antike Stadt bildete durch vielfältige zweckgerichtete Einrichtungen den Lebens- und Handlungsraum für ihre Bewohner auf politischem, wirtschaftlichem, gesellschaftlichem, religiösem und kulturellem Gebiet. Neben privaten Wohngebäuden entstand eine öffentlich genutzte Funktionsarchitektur weltlichen und religiösen Charakters, durch Verkehrs- und Versorgungsnetze erschlossen, durch Verteidigungsanlagen geschützt. Das Stadtbild war geprägt von diesem Neben- und Miteinander von öffentlichem und privatem Raum, von repräsentativen Kult- und Regierungsgebäuden, aber auch kleinen Unterkünften, von großen Markt- und Handelsflächen, und darüber hinaus von Ausstattungselementen und Baudekor für alle Einrichtungen. Oft lässt sich eine enge Verschränkung von Architektur, Politik und Religion nachweisen: historische und ideologische Konstellationen schlugen sich in der Planung und Anlage von Bauvorhaben und Veränderungen am Stadtbild nieder. Die von der Kommission zur Erforschung des antiken Städtewesens an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Zanker seit 1994 herausgegebene Reihe „Studien zur antiken Stadt“ widmet sich all diesen Belangen urbanistischer Gemeinschaften im antiken Mittelmeerraum.

Schlagworte

Alte Welt (120) || Altes Griechenland (28) || Antiker griechischer Stil (10) || Architektur (148) || Archäologie (372) || Archäologie einer Periode / Region (292) || Bildhauerei und Plastik (31) || Gesellschaft und Kultur, allgemein (298) || Griechenland (50) || Historische Staaten, Reiche und Regionen (199) || Kultur- und Medienwissenschaften (215) || Kunstformen (162) || Landschaftsarchitektur (41) || Stadtplanung und Architektur (25) || Statue (2) || nicht-grafische Kunst (43)