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9783895002915

Conermann, Stephan

Historiographie als Sinnstiftung

Indo-persische Geschichtsschreibung während der Mogulzeit (932 bis 1118/1516 bis 1707)

2002
17,0 x 24,0 cm, 516 S., Gebunden
62,00 €

ISBN: 9783895002915
Inhaltsverzeichnis
Probekapitel

Kurze Beschreibung

Diese Monographie stellt 23 ausgewählte historiographische Texte aus der Zeit der in Indien vom 16. bis zum 18. Jahrhundert herrschenden Mogulkaiser vor und wertet sie aus. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Darstellung der narrativen, vergangenheitsbewältigenden Strategien der Chronisten. Letztlich geht es darum, die sinnstiftende Intention der analysierten Werke aufzuzeigen und dem Leser zugänglich zu machen.

Ausführliche Beschreibung

Heutzutage darf ein Historiker angesichts der in den vergangenen 25 Jahren in den kulturwissenschaftlich orientierten Fächern geführten Diskussion zur Konstruktion von Geschichte und den damit verbundenen Problemen historiographischer Darstellung weder so naiv an Texte herangehen noch selbst Texte so verfassen wie etwa seine Kollegen in den 60er Jahren. In der vorliegenden Arbeit wird daher die ‚Narrativitätsdebatte‘, die bislang nur auf die europäische Geschichtsschreibung nach 1800 Bezug nahm, auf die Schriften vormoderner außereuropäischer Historiker angewandt. Der Fokus liegt auf der Untersuchung von Erzähltechniken, Autorintention und Kontext persisch abgefaßter Chroniken: Der für ein Gesamtverständnis notwendigen Darstellung der Genese der persischen und indo-persischen Geschichtsschreibung vom 11. bis zum 15. Jahrhundert folgt die Vorstellung von 23 ausgewählten Autoren der Mogulzeit. Zum besseren Verständnis ihrer Texte steht jeweils eine Skizze des soziokulturellen Umfeldes ihrer Entstehung.
Im Hauptteil der Abhandlung wird dann die historiographische Literatur untersucht. Inwieweit hat das religiös verankerte normative muslimische Geschichtsbewußtsein, das den Menschen in ein göttliches Verhältnis zu Zeit und Raum setzt, die Chroniken inhaltlich, also in ihrer Darstellung von Herrschaft und Herrschaftslegitimation, geprägt? In diesem Zusammenhang ist vor allem der Aspekt der Bewältigung irritierender Kontingenzerfahrungen in Form einer sinnstiftenden Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Texten wichtig. Wie werden Ereignisse der Vergangenheit einander zugeordnet? Welche Art von Rationalität bestimmt diese Zuordnung? Inwieweit ist die Geschichtsschreibung in sich selbst reflexiv hinsichtlich ihrer Struktur und ihrer Prinzipien? Bis zu welchem Grad wird Vergangenheit historisiert? Wie gehen die Geschichtsschreiber mit der Erfahrung anderer und fremder Kulturen um?
Schließlich stellt sich die Frage nach narrativen Strategien zur Umsetzung normativer Vorgaben oder eigenener Vorstellungen in den jeweiligen Texten. Es geht darum zu klären, in welchen Formen Einzelgeschichten – Personen, Ereignisse, Zusammenhänge – präsentiert und welche Erzählmuster benutzt werden. Die Analyse der Kompositionsprinzipien der Chroniken macht die längerfristigen Bedingungen oder Strukturen hinter den dort geschilderten Ereignissen deutlich. In einem abschließenden Kapitel steht dann nicht die Funktion, sondern die Form und der Inhalt indo-persischer Geschichtsschreibung während der Mogulzeit im Vordergrund der Betrachtung. Es wird aufgezeigt, welche Kontinuitäten und welche Entwicklungstendenzen sich in der mogulzeitlichen Hofgeschichtsschreibung zeigen.
Insgesamt bietet die Arbeit nicht nur eine hervorragende Einführung in die indo-persische Chronistik, sondern ebenso eine konsequente Umsetzung der in der kulturwissenschaftlichen ‚Narrativitätsdebatte‘ aufgeworfenen Fragestellungen in die Forschungspraxis.

Autoreninfo

Stephan Conermann hat Geschichte, Islamwissenschaft und Slavische Philologie in Kiel, Poznan und Moskau studiert. Nach der Promotion 1992 erfolgte vor der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die Habilation im Dezember 2001. Im Oktober 2002 nahm er einen Ruf auf eine Professur für Islamwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn an. Am 1. April 2003 hat er sein neues Amt am Rhein angetreten. In seinen Forschungen beschäftigt er sich Transformationsprozessen innerhalb islamischer gesellschaften im zeitalter des europäischen Kolonialismus und Imperialismus; mit dem Islam in Indien, Zemtralasien und Nordafrika und mit der Geschichte und Kultur der Mamlukenzeit.

Wichtige Veröffentlichungen: Die Beschreibung Indiens in der 'Rihla' des Ibn Battuta. Eine herrschaftssoziologische Einordnung des Delhisultanates unter Muhammad Ibn Tughluq (1993); Mustafa Mahmud (geb. 1921) und der modifizierte islamische Diskurs im modernen Ägypten (1996); (Hg., zusammen mit Jan Kusber), Die Mongolen in Asien und Europa (1997); (Hg.), Der Indische Ozean in historischer Perspektive (1998); (Hg.), Mythen, Geschichte(n), Identitäten: Der Kampf um die Vergangenheit (1999); Geschichtsdenken der Kulturen. Eine kommentierte Dokumentation. Südasien - von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 2: Die muslimische Sicht (13.-18. Jahrhundert) (2002); (Hg., zusammen mit Josef Wiesehöfer), Carsten Niebuhr (1733-1815) und seine Zeit (2002); (hg. und eingeleitet), Ulrich Haarmann: Briefe aus der Wüste. Die private Korrespondenz der in Ghadamis ansässigen Yusha‘-Familie aus dem 19. Jahrhundert (2003); (Hg., zusammen mit Anja Pistor-Hatam), Die Mamluken. Studien zu ihrer Geschichte und Kultur. Zum Gedenken an Ulrich Haarmann (1942-1999) (2003); (Hg., zusammen mit Jan Kusber), Studia Eurasiatica. Hermann Kulke zum 65. Geburtstag von Kieler Kollegen und Schülern (2003).

Schlagworte

16. Jahrhundert (1500 bis 1599 n. Chr.) (129) || 17. Jahrhundert (1600 bis 1699 n. Chr.) (94) || 18. Jahrhundert (1700 bis 1799 n. Chr.) (46) || Geschichte (707) || Geschichte: Theorie und Methoden (208) || Geschichtsforschung: Quellen (200) || Geschichtsschreibung, Historiographie (11) || Indien (9) || Indischer Subkontinent (25) || Islam (44) || Neuzeit bis 1914 (8)